Marschkleesjer

Aus Saarland-Lexikon
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Ein Wort, ein Rezept, eine Kindheitserfahrung

Das Wort

Das hochdeutsche Wort "Markklößchen" ist aus drei Gründen für die saarländischen Mundarten vollkommen unbrauchbar:

  • Der Umlaut "ö" klingt für saarländische Ohren arrogant. Er wird zu einem doppelten "e". Ausnahme: Eigennahmen, etwa Goethe, Dudenhöffer, Böhmen, Dörsdorf... Diese Worte werden meistens als Fremdwörter behandelt und deshalb fast hochdeutsch ausgesprochen. Im Altsaarländischen übersetzte man sie noch. Da wurde aus "Dörsdorf" zum Beispiel "Derrschdesch".
  • Das "ch" führt zu einer Überstrapazierung der Mundwinkel. Daraus wird deshalb ein Laut zwischen "ch" und "sch" oder ein "j" oder sogar beides. Ein Mann wie ein Baum ("Sie nannten ihn Bonsai") ist im Saarland ein "Männsche" oder ein "Männje".
  • Was garnicht geht: Die Verbindung von zwei "k", zumal das "k" im Saarländischen ein Zwischenlaut ist, irgendwo zwischen "k" und "g". Man müßte dazwischen eine kleine Pause machen, und das klänge in unserer Mundart affektiert und führte zu Irritationen. Deshalb wird das erste "k" durch ein "sch" ersetzt. Das ist uns derart wichtig, dass wir die Missverständnisse aufgrund der doppelten Bedeutung in Kauf nehmen. Aber man weiß ja, dass sie kein typischer Proviant für marschierende Wanderer, Karnevalisten oder Soldaten sind.

Zusammenfassung: Im Saarland isst man "Marschkleesjer" und keine "Markklößchen".

Das Rezept

Rindermark wird in einer Pfanne ausgelassen und mit eingeweichtem Brot und Paniermehl gemischt. Dazu kommen: kleingehackte Petersilie, Salz und Muskat. Danach formt man Klöße in der Größe zu klein geratener Tischtennisbälle. Aufpassen, daß der Anteil des Marks nicht zu groß ist. Sonst fallen sie auseinander. Ansonsten gilt der Satz: "Erfahrung ist der beste Koch". "Marschkleesjer" läßt man in der Rindfleischsuppe aufkochen und dann noch ein wenig ziehen.

Die Kindheitserfahrung

Wer in den fünfziger Jahren seine Kindheit im Saarland verbrachte, hat mehrmals erfahren, dass die Mutter (damals kochten die Väter noch nicht) immer viel zu wenige "Marschkleesjer" herstellte. Man klaute schon mal eins bevor sie in die Suppe kamen und aß es kalt. Und dann bekam man mit der Suppe nur zwei oder höchstens drei.

Da auch im Saarland die Liebe durch den Magen geht (manchmal ausschließlich), kann man die kollektive Kindheitserfahrung ausnutzen, um das Herz einer jeden Frau und eines jeden Mannes im besten Seniorenalter zu gewinnen. Man lädt zu einer "gudd Rindfleischsupp" ein, und dazu gibt es "Marschkleesjer satt".

Literatur

Charly Lehnert: Die gudd Supp, Claudia Lehnert: Aus Dibbe & Pann, Rezepte der traditionellen saarl. Küche, Lehnert Verlag, Claudia & Charly Lehnert: Dibbelabbes, Das saarländische Grumbeerbuch, Lehnert Verlag, Charly Lehnert: Hauptsach - gudd gess, Rezepte der sarländischen Küche für Gourmets, Lehnert Verlag [1]