Sprachgrenzen
Aus Saarland-Lexikon
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Sprache und Grenzen
Der Autor des folgenden Beitrages ist Gerhard Bungert, ein in Frankreich lebender Saarländer, der als saarländischer Mundartsprecher aufwuchs und mühsam die hochdeutsche Sprache erlernte. Für Bungert ist Grenze kein Begriff, der die Erkenntnis begrenzt, sondern neugierig macht auf das, was sich dahinter verbirgt, im Sinne des positiven Noumenon von Kant. Grenzen sind immer eine Herausforderung, sie zu überschreiten.
Saarländer scheinen auch - laut Alfred Gulden - eine besondere Fähigkeit zu haben, auf der Grenze zu leben. Das bezieht sich wohl nicht nur auf die nationale Grenze zwischen dem Saarland und Frankreich sowie Luxemburg. Das gilt auch für Sprachgrenzen, wobei unter Sprache ein äusserst differenziertes Ausdrucksmittel verstanden wird, eine Erscheinungsform des menschlichen Geistes - diesseits und jenseits der wie auch immer gearteten Grenzen.
Dialektgrenzen
Das Saarland ist ein Produkt der Versailler Vertrages, des Friedensschlusses nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Frankreich wollte - als Reparation - eine Ausbeutung der Bodenschätze (Kohle) für 15 Jahre, und als politische Absicherung bildete man das Saargebiet, eine sprachliche Angleichung an das Ruhrgebiet. Grundlage für die Bildung des Saargebietes bzw. des späteren Saarlandes waren also Politik und Ökonomie - und nicht etwa die Kultur, erst recht nicht die Sprachkultur. Deshalb gibt es im Saarland mehrere Dialekte. Ganz grob lassen sie sich die Dialekte in zwei Gruppen aufteilen - in die moselfränkischen im Nordwesten und die rheinfränkischen im Südosten. Dazwischen liegt die Datt-das-Linie. Die Frage: Warum?
Ein Blick auf die Pyrenäen zeigt uns, daß selbst Hochgebirge keine Sprachen trennen. Katalanisch und Baskisch spricht man im Norden und im Süden der Pyrenäen, in Frankreich und in Spanien. Sprachgrenzen entstehen wohl nicht durch Berge, sondern durch ausgedehnte Waldgebiete. Diese waren in früheren Zeiten noch nicht "durchfurcht" von Autobahnen, sondern waren schlichtweg gefährlich. Im Saarland kann man zwei Diagonalen feststellen: 1. Die Fundstellen für Steinkohlen ziehen sich als Diagonale vom Warndt bis nach Frankenholz - in einem großen Waldgebiet. 2. Nördlich davon verläuft die Sprachgrenze, die Datt-das-Linie. Das dürfte der Grund dafür sein, dass es bisweilen Verständigungsschwierigkeiten gibt, wenn sich ein Saarbrücker mit einem Saarlouiser unterhält.
Sprachgrenze zu Frankreich
Sie verläuft nicht im Saarland, und sie ist auch nicht identisch mit der nationalen Grenze zu unserem Nachbarland. Zwar gibt es auch im Saarland einen, wenn auch geringen, französischen Spracheinfluss, doch die Saarländer sind keine "Saarfranzosen". Diesen Begriff prägte übrigens Clemenceau (1841-1929) nach dem ersten Weltkrieg. Er behauptete, ein grosser Teil der Saarbewohner seien eigentlich Franzosen: "Saarfranzosen".
Die Sprachgrenze zwischen Deutschland und Frankreich läuft eindeutig innerhalb Frankreichs, wobei man dabei historische und soziale Differenzierungen beachten muss. Im Elsass und in (Deutsch-)Lothringen sprach man einen deutschen Dialekt, wobei das Wort "Dialekt" im Deutschen bedeutet: Eine deutsche Mundart. Im Französischen ist "le dialecte" eine Minderheitensprache, die man zum Französischen zählt. In den Städten, z.B. in Metz, sprach man eher Französisch, auf dem Land eher Lothringisch bzw. Elsässisch. In den letzten Jahrzehnten wurde der Einfluss der offiziellen französischen Sprache immer stärker. Schuld daran ist der französische Zentralismus, der sich auch in der Form eines europafeindlichen Sprachimperialismus artikuliert.
Soziale Sprachgrenzen
Mundart war und ist die Sprache des Volkes. Wer sie nicht spricht, gehört nicht dazu. Also lernte und lernt man in vielen Familien im Saarland zuerst einmal die entsprechende Mundart. Oft gibt es keine Alternative dazu, weil auch die Eltern die deutsche Hochsprache nicht beherrschen. Die Tatsachen, dass auch Saarländer täglich im Schnitt drei Stunden "glotzen" und im Fernsehen über 95% der Darsteller hochdeutsch reden, hat die Fähigkeit, sich in der Hochdeutschen Sprache auszudrücken, wohl nicht erweitert.
In der Schule heisst es aber für die Kinder: Hochdeutsch lernen! - Die Zweisprachigkeit bereitet Mühe. Schwierigkeiten damit können die soziale Integration durchlöchern. Wer im Saarland hochdeutsch spricht, läuft Gefahr, als eingebildet zu gelten. Wer die hochdeutsche Sprache nicht beherrscht, wird von Auswärtigen leicht als geistig minderbemittelt angesehen. Ideal für die soziale Integration von Saarländern und Zugereisten ist wohl die Zweisprachigkeit: Saarländisch und Hochdeutsch.
Für Saarländer ist es eine nicht enden wollende Quelle der Komik, wenn ein Mundartsprecher aus Prestigegründen nach hochdeutschen Wörtern und Formulierungen ringt und dabei kläglich scheitert. Er entlarvt sich als Emporkömmling, und die sprachliche Kontrollinstanz sagt ihm: "Schuster bleib bei Deinen Leisten".
Im Vorzimmer
Mensch: Kennt ich mol de Chef schwätze?
Sekretärin: Der is innewenzisch unn schafft ebbes.
Mensch: Dann kann ich mich jo noch hinhucken?
Sekretärin: Allemol! Wenn Sie wolle, dann hänken Sie Ihren Juppen an den Hoken!
Wir lachen darüber, vielleicht auch aus Angst, dass wir in eine ähnliche Situation kommen könnten. Kabarettisten, die dieses Sprach- bzw. Sozialverhalten karikieren, sind zum Beispiel Gerd Dudenhöffer, Alice Hoffmann und Detlev Schönauer.
